4.Juli.2010 - Mein TRI

 

Heute ist Sonntag, der 04.Juli 2010.

 

Es ist jetzt 04:10 Uhr, mein Herz schlägt zwischen 70 und 80 Mal in der Minute.

Im Buchleser-Modus habe ich so unter 60 Schläge.

Ich habe ganz normal gefrühstückt – Kaffee mit Butterbrot.

Ich habe mich noch von meiner Elisabeth verabschiedet. Sie ist dann erst später zum Rennen gekommen.

 

Die letzten 18 Monate waren sehr intensiv. Neben dem Schweiß, der da geflossen ist, habe ich sehr viele Stunden mit dem Fahrrad, den Laufschuhen und in den Schwimmbecken verbracht.

 

Elisabeth, DANKE für dein Verständnis.

 

In der Zwischenzeit ist es 04:50 Uhr. Die Sonne blinzelt schon durch die Wolken. In der Nacht hat es ein paar Gewitter gegeben.

 

Auf der Fahrt nach Klagenfurt muss ich an meinen Trainer – Reini – denken.      Vor der letzten Woche hat er mir ein Mail geschrieben mit folgendem Text:

 

Hi Walter, du hast vorbildlich trainiert, nun kannst ernten gehen.

Hab am Sonntag Spaß und genieße die Stimmung und deine Leistung.

 

In Klagenfurt habe ich mein Auto beim Minimundus abgestellt.

Jetzt ist die Stimmung von nervös und hektisch in eine angenehm angespannte Stimmung übergegangen.

Beim Fußball haben wir uns immer gesagt, egal wie stark der Gegner ist, der kocht auch nur mit Wasser. Soll heißen, ein jeder ist zu schlagen.

Auf den Triathlon umgemünzt: mach‘ einfach dein Ding, schwimm‘ los und alles andere kommt dann von selbst.

 

Es ist jetzt 05:15 Uhr. Ich schnappe meinen Neopren-Anzug und bewege mich Richtung Strandbad.

Ich schaue noch bei meinem Fahrrad vorbei, ob die Luft in den Reifen passt.

Den Trinkbehälter fülle ich noch mit Wasser, ansonsten ist alles in Ordnung.

 

06:15 Uhr – ich ziehe mir meinen Neopren-Anzug an.

Mein Gewand gebe ich in einen Sack, und den Sack gebe ich ab.

 

06:30 Uhr – es ist ganz schön viel los hier. Aufs Einschwimmen verzichte ich.

 

06:45 Uhr - ich mache Stretching und setzte mir die Badehaube samt Schwimmbrille auf.

06:58 Uhr – gleich geht’s los.

 

07:00 Uhr – die Kanone wird abgefeuert und mehr als 2.000 Leute fangen an zu schwimmen. Die ersten 100 Meter sind geschafft. Natürlich kommt es immer wieder zu Berührungen mit den Athleten, aber das ist nicht so schlimm.

Einmal wäre mir einer fast in die Badehose geschwommen, haha.

Nach etwa 3.000 Metern, schwimmen wir schon im Lendkanal.

Die Leute stehen ganz dicht am Wasser. Es herrscht eine atemberaubende Atmosphäre. Die Menschen stehen so nahe am Kanal, als ob sie dich angreifen könnten.

Meine Arme sind schon etwas müde, aber die Menschen feuern uns so richtig an.

 

Endlich ist der Ausstieg erreicht.

 

Nach 1h27’19“ verlasse ich das Wasser.

 

Ich laufe zur ersten Wechselzone und ziehe mich um. Raus aus dem Neo und rein in die Radschuhe. Ca. 30m muss ich mit den Radschuhen laufen, bis ich mein Fahrrad erreicht habe.

Das Fahrrad muss ich dann noch einmal 30m bis zu einer Linie schieben.

Erst jetzt darf ich auf das Fahrrad aufsteigen und losfahren.

Über die Lautsprecher höre ich, dass der Führende schon am Faaker See ist.

 

Nach ein paar Minuten Fahrzeit bin ich am Südufer des Wörthersees unterwegs.

 

Beim Faaker See gibt es eine ganz giftige Steigung. Höchstens 900 Meter, aber du spürst es sofort in den Beinen.

 

Doch auf jede Steigung folgt wieder eine Abfahrt.

 

Nach 60 Kilometern kommt der Rupertiberg. Der Anstieg ca. 3.000m beißt ordentlich.

 

Es ist in der Zwischenzeit sehr heiß geworden, sicher weit über 30°.

 

Knapp vor dem Ende der ersten Radrunde in Klagenfurt, sieht man schwarze Wolken vom Norden kommend, das angekündigte Gewitter? Ich beende die erste Runde und biege wieder in die Süduferstraße Richtung Maria Wörth.

Am See entlang bis Velden wird es immer heißer und im Norden wird es immer dunkler.

 

In der Zwischenzeit bin ich schon vier Stunden mit dem Fahrrad unterwegs. Den giftigen Anstieg zum Faaker See habe ich auch schon hinter mir gelassen. Von einer Minute auf die andere scheint es, als würde das Wetter kippen. Es kommt ein urstarker (Gegen)Wind auf und die Wolken werden immer bedrohlicher. Phasenweise fahre ich auf der ebenen Strecke nur mehr 20 – 30 km/h.            

 

Der Sturm ist nervig.

 

Aber es kommt noch schlimmer. Strömender Regen setzt ein. Innerhalb von ein paar Sekunden bin ich total nass. Das Wasser rinnt aus meinen Schuhen heraus. Bei einer starken Linkskurve bremse ich, aber die Bremsen reagieren nicht.

Mit viel Mühe vermeide ich einen Sturz. Nach fünfzehn Minuten ist der Spuk vorbei und die Sonne brennt weder herunter.

 

Nur, dass die Luftfeuchtigkeit extrem hoch ist. Das Bild vor einer Kurve werde ich nie vergessen.

Die Straße war noch völlig nass, vom Himmel hat die Sonne gebrannt und ungefähr zwei Meter über dem Boden ist Dampf aufgestiegen vom heißen Asphalt.

 

Es war wunderbar das anzuschauen, aber … the show must go on.

 

Zum zweiten Mal strampele ich über den Rupertiberg. Bei der Abfahrt habe ich noch eine Schrecksekunde. Irgendetwas fliegt mir gegen die Brille. Ich bin gerade mit 50km/h unterwegs. Ich denke nur: bloß keine Panik. Ich nehme die Hände vorsichtig vom Lenker, nehme vorsichtig die Brille ab.

Puh, Glück gehabt, es ist eine Biene. Ich halte die Brille seitlich, sie fliegt weg. Brille auf, und es geht weiter. Endlich, das Ärgste habe ich jetzt hinter mir.

Bis Klagenfurt geht es fast nur bergab.

 

Das Unwetter hat mich sicherlich dreißig Minuten gekostet, aber was soll‘s.

 

Ein paar Minuten nach 15:00 Uhr steige ich von meinem Fahrrad ab.

 

Für das Schwimmen und Radfahren habe ich also knapp über 08:00 Stunden benötigt.

 

Ich ziehe meine Laufschuhe an und raus geht’s auf die Lauf-Strecke.

Die ersten 500 Meter sind ein reiner Horror. Beim Laufen werden ganz andere Muskeln verwendet, als beim Radfahren. Ab Kilometer 1 fange ich an, mich an die Bewegung zu gewöhnen. Es geht zum ersten Mal am Nordufer Richtung Krumpendorf.

 

Bei Kilometer 4 denke ich mir – nur mehr 38 Kilometer, yeah!

 

Aber Schritt für Schritt für Schritt geht es Richtung Ziellinie.

Bei der Wende in Krumpendorf heizt die Sonne erbarmungslos herunter.

In der Beschreibung der Strecke stand folgendes: die Laufstrecke ist relativ gerade und fast nur im Schatten. Das kann nur jemand geschrieben haben, der an diesem Bewerb noch nie selbst teilgenommen hat.

Wahr ist, dass auf der Laufstrecke - ca. 90% liegt in der Sonne - fast kein Schatten war.

Aber darüber nachzudenken ist auch vollkommen unnütz.

Bei Laufkilometer 10 bin ich 1h11‘ unterwegs. Mein einziger Gedanke war: bekomme bloß keinen Krampf.

 

Aber ich hatte gut trainiert, daher waren diese Gedanken wieder ganz schnell verworfen.

Ich kam bei Start und Ziel vorbei und lief Richtung Lindwurm. Beim Lindwurm war die östlichste Stelle der Laufstrecke.

Dann ging es wieder Richtung Start/Ziel-Bereich. Bei Kilometer 18 war ich auf einmal übermütig und wollte etwas schneller laufen. Ich habe mich aber gleich wieder gefangen und bin wieder mein richtiges Wohlfühltempo gelaufen.

Als ich dann zum zweiten Mal Richtung Krumpendorf lief, sah ich schon in einigen Gesichtern Verzweiflung.

Aber ein Tri-Kollege hat mir folgendes auf den Weg mitgegeben:

Zeige kein Mitleid, schaue nur auf dich selbst, um die Läufer kümmern sich schon andere.

 

Gesagt, getan. Bei der zweiten Wende in Krumpendorf spürte ich zum ersten Mal die erlösende Phase als ich über die Ziellinie gelaufen bin.

 

Stopp, Konzentration, du bist erst bei Kilometer 28!!

 

Aber mit jedem Schritt ist das Ziel nähergekommen.

 

Kilometer 32, ich trinke abwechselnd sehr viel Wasser und Cola. Für mich ist das eine super Kombination.

 

Beim Start/Ziel-Bereich laufe ich das zweite und letzte Mal am Lendkanal Richtung Lindwurm. Bei den Straßenquerungen gibt es noch ein paar ganz kurze, aber giftige Steigungen. Für die Muskulatur ist das eine enorme Herausforderung. Ich sehe schon den Lindwurm, rundherum und ab Richtung Ziel.

 

Ich werde immer lockerer.

 

Meine Frau steht am Straßenrand. Ich laufe zu ihr, umarme und küsse sie.

Das kostet mich mindestens zwei Minuten.

Tja, Eisenmänner dürfen auch Gefühle zeigen.

 

Die Kilometer ziehen nur so an mir vorbei. Kilometer 36, 37, 38 … gleich habe ich es geschafft.

 

Bei Kilometer 41 komme ich das letzte Mal bei Start/Ziel vorbei. Jetzt muss ich im Park noch ein paar Kurven laufen.

 

500 Meter vor dem Ziel habe ich das Gefühl ich muss heulen.

Das Gefühl ist so schnell weg, wie es gekommen ist.

 

Ich biege beim Wörthersee in den Zielbereich ein.

 

Ich habe so ein Glücksgefühl, das kann man gar nicht beschreiben.

 

Die letzte Linkskurve, ich sehe die Ziellinie.

 

Ich reiße die Hände in die Luft – 13h38‘11“ geschafft!!!

 

Ein unpackbares Gefühl, es geschafft zu haben.

 

Ich bin eigentlich in einem körperlich sehr guten Zustand. Ich weiß gar nicht, was ich schreiben soll. Es sind so viele Gefühle, so viele Emotionen, so viele Eindrücke.

Ich bin ein Typ, der sicher noch ein paar Wochen braucht, um auch wirklich alles verarbeitet zu haben. Aber das wichtigste ist: ich bin gesund im Ziel angekommen, mit einem Lächeln auf den Lippen.